Siegel Autofreie Innenstädte: Noch fehlt es an Akzeptanz

In der Verkehrsplanung wird derzeit zunehmend an Mobilitätskonzepten für die Zukunft gearbeitet. Ein Instrument: Immer häufiger werden Innenstädte für den Autoverkehr gesperrt. Welche Städte gehen diesen Schritt? Und wie sehen die Pläne in Deutschland aus? Eine Übersicht zum „Internationalen Autofreien Tag“ am 22. September:      

Autofreie Tage gab es in Deutschland bereits in den 1950er- und 1970er-Jahren. Während der Ölkrise im Jahr 1973 beschloss die damalige Bundesregierung vier autofreie Sonntage, weil ein Engpass bei der Versorgung mit Erdöl drohte. Die diesen Winter drohende Gasknappheit hat vielen Menschen diesen Schritt in Erinnerung gerufen und verleiht dem „Internationalen Autofreien Tag“ damit eine hohe Aktualität. Der Aktionstag findet jährlich statt und soll vor allem auf die Notwendigkeit einer Verkehrswende, den Klimaschutz und nachhaltige Mobilitätslösungen aufmerksam machen.

Der Weg dahin gestaltet sich jedoch schwierig. Denn trotz Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs und der Vision einer umweltfreundlichen Verkehrspolitik bleibt das Auto in Deutschland Fortbewegungsmittel Nummer eins. Dies gilt insbesondere für den Pendelverkehr, wie aus Zahlen einer alle vier Jahre durchgeführten Befragung des Statistischen Bundesamts hervorgeht. 68 Prozent der Befragten gaben an, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. 13 Prozent nutzten Bus und Bahn und nur jede*r Zehnte griff auf das Fahrrad zurück. Auffällig dabei: Rund die Hälfte der Berufstätigen legt für den Weg zur Arbeit nur eine Strecke von weniger als zehn Kilometern zurück.

Autos gegen den Rest

Die Beliebtheit des Autos im vergangenen Jahrzehnt spiegelt sich auch in den Zulassungszahlen wider. Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts waren zum Stichtag am 1. Januar 2022 in Deutschland rund 49 Millionen Pkw zugelassen. Zum Vergleich: Im Jahr 2011 lag diese Zahl noch bei etwa 42,3 Millionen. 

Besonders in den Städten wird es zunehmend voller. Egal ob per Auto, Bus, Fahrrad, E Scooter oder zu Fuß: Immer mehr Teilnehmende im Straßenverkehr konkurrieren um den knappen Raum. Nahezu alle Großstädte auf der Welt leiden darunter. Das Problem: Städte sind über mehrere Jahrzehnte hinweg an die Anforderungen von Autos angepasst worden. Teilweise gibt es fünf- oder sechsspurige Straßen. Zugleich fehlen jedoch gut ausgebaute Radwege.

Autofreie Zonen in Europa

Die Aufgabe für die Zukunft lautet deshalb, den Raum an die Wünsche sämtlicher Verkehrsteilnehmenden bestmöglich anzupassen und gleichzeitig lebenswerter zu gestalten. Denn ein steigendes Verkehrsaufkommen in den Innenstädten und damit verbunden Lärm, Abgase, Feinstaub oder Stickoxide führen zu einem Verlust an Lebensqualität.

Zugegeben: Die Umgestaltung der Städte ist eine enorme Herausforderung. Es ist auch keine grundsätzliche Entscheidung gegen das Auto, wenn Fachleute und für die Planung Verantwortliche über alternative Verkehrskonzepte mit weniger Pkw in Innenstädten nachdenken. Einige Städte in Europa haben bereits Ideen und Maßnahmen umgesetzt: In Barcelona und Ljubljana wurden zuletzt Zentren oder Wohngebiete zur autofreien Zone erklärt.
 

Deutschland beschränkt sich auf Pilotprojekte

Auch die Innenstadt von Paris soll künftig autofrei werden. Dies gab Bürgermeisterin Anne Hidalgo im Sommer 2021 bekannt. Betroffen ist vor allem die historische Innenstadt. Die inneren vier Bezirke sowie einige Teile dreier weiterer Bezirke sollen zu einer Fahrverbotszone zusammengefasst werden. Pro Tag sind in diesen Bezirken aktuell noch 180.000 Fahrzeuge unterwegs. Das sind ungefähr zehnmal so viele Autos wie die in den inneren Bezirken lebenden Menschen überhaupt besitzen. Insgesamt macht die Fahrverbotszone knapp sieben Prozent der gesamten Pariser Stadtfläche aus. Nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad, Bus oder Taxi dürfen diese Straßen künftig noch genutzt werden. Eine Ausnahme gibt es für Handwerksbetriebe.

In Deutschland gibt es nach derzeitigem Stand lediglich einige Pilotprojekte. So wurde beispielsweise in Bielefeld die Altstadt neun Monate für den Autoverkehr gesperrt. Köln plant, seine Innenstadt bis zum Jahr 2030 autofrei zu gestalten. Für großes Aufsehen hatte im Jahr 2020 die Initiative „Berlin autofrei“ gesorgt.
 

Stoppschild für die größte autofreie Zone der Welt

In einem Volksentscheid sollten die Menschen in Berlin ein Gesetz verabschieden, das das komplette Gebiet innerhalb des S-Bahn-Rings für Autos gesperrt hätte. Dieses Gebiet wäre nach Angaben der Initiative die größte autofreie Zone der Welt gewesen. Doch im Mai 2022 lehnte der Senat den Gesetzentwurf ab mit der Begründung, dass man bei der Verkehrswende die gesamte Stadt in den Fokus nehmen sollte.

Aktuell fehlt es bei einem Großteil der Bevölkerung ohnehin noch an Akzeptanz, den Autoverkehr aus Innenstädten zu verbannen. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des Tagesspiegel aus dem Jahr 2020 zeigt, dass 56 Prozent der Befragten gegen autofreie Innenstädte in Deutschland sind. Nur rund 35 Prozent waren dafür.

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HR | Autos raus – wie Innenstädte sich verändern

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